500 Jahre Reformation und Luther

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500 Jahre Reformation und Luther

Beitrag  Bernd am Di Okt 31, 2017 2:38 pm

Es ist schon erstaunlich, welch ein Kult um

Luther und die Reformation



Eine als "Judensau" bezeichnete mittelalterliche Schmähskulptur in der Außenwand der Stadtkirche Sankt Marien in Wittenberg (picture alliance / dpa/hsc pzi)

produziert wird. Das erste was mich dabei erheblich stört, ist Luthers ausgeprägter Antisemitismus.
Ein Zitat:

"Erstlich, das man jre Synagoga oder Schule mit feur anstecke
und, was nicht verbrennen wil, mir erden uber heuffe und beschütte,
das kein Mensch ein stein oder schlacke davon sehe ewiglich [...]
Zum andern, das man auch jre Heuser des gleichen zerbreche und zerstöre,
[...] Zum dritten, das man jnen neme alle jre Betbüchlin und Thalmudisten,
darin solche Abgötterey, lügen, fluch und lesterung geleret wird."

(Aus: Luther, Von den Juden und ihren Lügen, 1543)

Vielleicht war Luther eben nur ein Kind seiner Zeit. Und vielleicht gibt es keine direkte Linie von Luthers Antisemitismus bis zum Holocaust.
Und doch schreibt 1938 der evangelische Landesbischof von Thüringen: „Am 10. November 1938, an Luthers Geburtstag, brennen in Deutschland die Synagogen. Vom deutschen Volk wird (...) die Macht der Juden auf wirtschaftlichem Gebiet im neuen Deutschland endgültig gebrochen und damit der gottgesegnete Kampf des Führers zu völligen Befreiung unseres Volkes gekrönt. In dieser Stunde muss die Stimme des Mannes gehört werden, der als der Deutschen Prophet im 16. Jahrhundert einst als Freund der Juden begann, der getrieben von seinem Gewissen, getrieben von den Erfahrungen und der Wirklichkeit, der größte Antisemit seiner Zeit geworden ist, der Warner seines Volkes wider die Juden." (Landesbischof Martin Sasse aus Eisenach im Vorwort zu seiner Schrift "Martin Luther und die Juden - Weg mit ihnen!", Freiburg 1938)
Und 1941 erklärten sieben deutschchristliche Landeskirchenführer - und dem schloss sich die Deutsche Evangelische Kirchenkanzlei an: "Als Glieder der deutschen Volksgemeinschaft stehen die unterzeichneten deutschen Evangelischen Landeskirchen und Kirchenleiter in der Front dieses historischen Abwehrkampfes, der u.a. die Reichspolizeiordnung über die Kennzeichnung der Juden als der geborenen Welt- und Reichsfeinde notwendig gemacht hat, wie schon Dr. Martin Luther nach bitteren Erfahrungen die Forderung erhob, schärfste Maßnahmen gegen die Juden zu ergreifen und sie aus deutschen Landen auszuweisen." (Günter Brakelmann / Martin Rosowski (Hg.), Antisemitismus. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht, 1989. Seite 108).

Dann war Luther doch hoffentlich seiner Zeit voraus und ein echter Freiheitskämpfer?!
Na, wenn man Kurt Flasch in seinem Buch "Das philosophische Denken im Mittelalter" (Reclam 2006) glaubt, dann wird Luther bei näherer Betrachtung auch dieser Erwartung nicht gerecht. Luther, ein Zeitgenosse Machiavellis, Erasmus, Pomponazzis, Morus und Kopernikus, begeht mit seinem Protest gegen den Ablasshandel eine geschichtlich folgenreiche Tat - seine Schriften hingegen verbleiben im Rahmen seines regionalen und kulturellen Umfelds. Er behielt nicht nur volkstümlich-mittelalterliche Vorstellungen bei, er verstärkte noch ihr Gewicht. Luther verwarf das Weltbild des Kopernikus und nahm den Teufels- und Dämonenglauben buchstäblich, wie es seit dem 13. Jahrhundert nicht mehr selbstverständlich war. Offensichtlich war das, was man bei Luther als "mittelalterlich" empfindet schon von Denkern des Mittelalters kritisiert worden.
Den großen Freiheitskampf der Zeit, den Bauerkrieg, verteufelte Luther. In den "Zwölf Artikel" von Memmingen wurden erstmals Forderungen festlegt, die als frühe Formulierung von Menschenrechten angesehen werden. Luther füherte den Aufstand hingegen unmittelbar auf Satan zurück, die Obrigkeit solle die Bauern auf den Kopf schlagen und Christen forderte er auf, diese Bauern zu schlagen "als wenn man einen tollen hund totschlagen muß" (Luther: Wider die räuberischen und mörderischen Rotten der Bauern, 1525).
Und Luther hatte nicht nur die Bauern aus dem sozialen Horizont der Reformation ausgeschlossen, er hatte auch mit dem Representanten der humanistischen Bewegung gebrochen: mit Erasmus. Im Gegensatz zu Luther verteidigte Erasmus die menschliche Willensfreiheit. Luther greift hier auf den spätantiken Augustinus zurück: vom freien Willen des Menschen ist nicht viel übrig, da braucht es reichlich Gnade, um von Adams Fehlern loszukommen. Interessant, dass der Luther gut tausend Jahre später dies noch überhöht. Der Mensch ist bei ihm bloß ein Pferd, entweder reitet ihn Gott oder der Teufel. Schluss, aus, einen freien Willen gibt es wohl nicht. Erasmus erinnerte Luther daran, dass es auch Pferde gibt, die ihren Reiter abwerfen ;-).

Ach ja, immerhin hat er die Bibel in die deutsche Sprache übersetzt. Das haben aber andere vor ihm auch schon gemacht. Die Gutenberg-Bibel war noch in Latein, die erste deutsche Bibel war wohl von Mentelin (1466) und bei Wikipedia findet man noch ein gutes Dutzend weitere deutschsprachige Bibeln.

Insgesamt will mir das nicht so richtig einleuchten, warum wir aus Luther und seiner Reformation heute so einen Wind machen. Jetzt mal ehrlich: wir sollten eher den 20. März 1525 zum Feiertag machen (Zwölf Artikel von Memmingen). Auf den Reformationstag könnte ich gerne verzichten.

Weiterlesen:
Trägt Martin Luther eine Mitschuld am Völkermord? welt.de
Luther – Hitlers Idol Humanistischer Pressedienst
Schwieriges Erbe – Die evangelische Kirche und Luthers Judenhass luther2017.de
«Es gibt keine direkte Linie von Luther zu Hitler» ... Neue Zürcher Zeitung
Der Katholik Adolf Hitler verehrte Martin Luther ... die Seite heisst theologe.de
Progrome, Holocaust und Luther beim Humanistischen Pressedienst
Vorlutherische Bibeln bei Wikipedia

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